Jedes Archiv ist ein Friedhof: Es verbirgt nicht nur Bücher, sondern auch jene, die sie begruben. Es gibt kein Archiv, das nicht brennt - es gibt nur Brände, von denen niemand erzählt. Im Vatikanischen Archiv wurden Brände niemals verzeichnet.
Als der Historiker Sinan Arslan in das Vatikanische Apostolische Archiv hinabsteigt, findet er eine Handschrift, die fünfzehnhundert Jahre verborgen blieb. Auf jeder Seite steht ein einziges Wort: Anhar - im Aramäischen "Fluss", im Syrischen "Licht" und in der mandäischen Überlieferung die Reinigung selbst. Es ist der verschwiegene Stamm des Koranworts wa-nhar, jenes geheimnisvollen Wortes aus der kürzesten Sure des Korans, dem man jahrhundertelang eine fremde Bedeutung überstülpte. Doch ein Wort ist nicht verpflichtet, sich der ihm aufgezwungenen Bedeutung zu fügen.
Was Sinan in jenem brüchigen Heft entdeckt, ist die Spur einer Gemeinschaft, die sich die Hüter des Anhar nannte - die Wächter des strömenden Wassers. Eine mittelpunktlose Überlieferung, die schon vor Rom, schon vor dem Christentum bestand und die Taufe im fließenden Wasser bewahrte. Auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 wurde sie ausgeschlossen, für ketzerisch erklärt, aus der Ordnung verbannt. Und von diesem Tag an floh sie: vor Rom, vor den Kreuzfahrern, vor den Osmanen - und zuletzt vor der modernen Welt.
Dieser Roman folgt der Spur einer fünfzehnhundert Jahre alten Frage: Warum richtet sich die Macht in jedem Zeitalter gegen dasselbe Ziel? Vom Konzil von Nicäa zum Hof der Umayyaden, von den Hadith-Kammern Bagdads zu den Kreuzzugschroniken, von Mehmeds Konstantinopel bis zu den Trümmern des Irak im Jahr 2003: Die Methode wandelt sich, das Ziel bleibt dasselbe. Denn der Macht steht stets dasselbe gegenüber - eine Überlieferung ohne Mittelpunkt, die den Tempel, die Schrift, die Hierarchie und die Einkerkerung Gottes in die Köpfe verwirft und die den Fluss und das Strömen heilig hält.
Der Stein ist das, was stillsteht. Die Macht liebt den Stein. Denn das Feste lässt sich benennen, heiligen und beherrschen. Rom misstraute allem, was mit dem Wasser sprach. Denn das Wasser kennt keine Grenzen, und das Reich liebte nicht, wer keine Grenzen kannte.
Roms Götter waren aus Stein. Seine Tempel waren aus Stein. Seine Gesetze waren aus Stein. Seine Macht war aus Stein - hart, schwer, unverrückbar.
Doch das Wasser fand stets einen Weg. Und es gab Steine, aus denen Flüsse hervorbrachen.
Ein Roman über Glaube, Macht und die Wahrheit, die sich nicht festlegen lässt - über das Wissen, das gefährlich ist, und das Nichtwissen, das gefährlicher ist. Eine Geschichte, in der Geschichte, Theologie und Spannung zu einem einzigen Strom zusammenfließen. Für jene, die zu lesen wagen, was jahrhundertelang verschwiegen wurde.